
Am 3. und 4. Juli 2026 ging auf Schloss Broich in Mülheim an der Ruhr eine Ära zu Ende. Zum 24. und letzten Mal öffnete das Castle Rock Festival seine Tore, und wie es sich für ein Fest mit 26 Jahren Geschichte gehört, war der Schlosshof beide Tage ausverkauft. Gothic, Folk Metal, Mittelalter-Rock, Dark Metal – die Bandbreite der schwarzen Szene traf sich noch einmal komplett vor der historischen Kulisse, die dem Festival über Jahrzehnte seinen unverwechselbaren Charakter gegeben hat. Wir waren an beiden Tagen vor Ort und haben uns dieses letzte Kapitel nicht entgehen lassen.
Tag 1, 03.07.2026: Ein Auftakt mit Ansage
Pünktlich um 16 Uhr eröffneten Die Legende von Nord den ersten Festivaltag und schickten das Publikum mit Folk-Metal-Hymnen direkt in nordische Gefilde. Die ersten Reihen waren früh gefüllt, und schon bei den eingängigen Refrains kam ordentlich Bewegung in den Schlosshof. Danach übernahm Snow White Blood mit orchestralen Arrangements und der markanten Stimme ihrer Frontfrau – eine düster-märchenhafte Note, die zum Gemäuer von Schloss Broich passte, als wäre sie eigens dafür geschrieben.
Mit The Other kippte die Stimmung ins Rockigere: Die Horror-Punk- und Dark-Rock-Veteranen brachten druckvolle Hymnen und Hooks, bei denen textsicher mitgesungen wurde. Danach der erste große Höhepunkt des Abends – Tanzwut. Dudelsäcke gegen harte Gitarren, dazu treibende Rhythmen: Der Schlosshof verwandelte sich in einen brodelnden Hexenkessel, vor der Bühne wurde getanzt und gesprungen, wie man es von den Mittelalter-Rockern seit Jahren gewohnt ist.

Den Schlusspunkt setzten Nachtblut mit ihrer düsteren Inszenierung und Blackened-Dark-Metal-Riffs, die das Publikum bis zur letzten Minute mitfeierte. Ein Auftakt, der Lust auf mehr machte – und ahnen ließ, dass Tag 2 diesen Rahmen noch einmal würdig füllen musste.
Tag 2, 04.07.2026: Abschied mit Ansage – und ein letzter Headliner
Der zweite Tag eröffneten Eigensinn und Wisborg, bevor Heimataerde mit ihrer Mischung aus NDH, Elektro und mittelalterlichen Klängen die ersten Besucher vor die Bühne holte. Sagenbringer entführten das Publikum anschließend in nordische Mythologie – Folk und Metal verschmolzen zu einem der sympathischsten Auftritte des Wochenendes, mit spürbarer Spielfreude und Nähe zum Publikum. Haggefugg sorgten mit Mittelalter-Rock und Folk für pure Feierlaune: Getanzt, geklatscht, mitgesungen – genau das Bild, das ein Sommerfestival ausmacht. Danach nahm mit All For Metal der Abend spürbar Fahrt auf: klassischer Metal mit modernen Einflüssen, kraftvolle Gitarren und mitreißende Refrains. Es folgten Crematory aus Mannheim mit ihrem unverkennbaren Gothic-Sound.
Vor dem letzten Headliner des Abends – und der Festivalgeschichte – wurde es dann ungewöhnlich still auf der Bühne. Michael Bohnes, seit 26 Jahren Kopf und Herz des Castle Rock, trat vor sein Publikum, bedankte sich bei seinem Team für den jahrzehntelangen Einsatz und holte die Menschen, die das Festival all die Jahre mitgetragen haben, mit auf die Bühne. Bewegende Worte an eine Fangemeinde, die das Castle Rock über Jahrzehnte zu dem gemacht hat, was es war – quittiert mit langem, warmem Applaus und der stillen Gewissheit, dass hier gerade etwas zu Ende geht, das so schnell nicht wiederkommt.

Den würdigen Schlusspunkt setzten dann Lord Of The Lost. Für Bohnes war die Verpflichtung der Hamburger für das Finale eine Herzensangelegenheit: Die Band stand 2011 zum ersten Mal auf der Castle-Rock-Bühne und kehrte danach mehrfach zurück – kaum eine andere Band ist so eng mit der Geschichte des Festivals verwoben. Harte Riffs, hymnische Refrains, große Bühnenpräsenz und eine spürbare Verbundenheit mit dem Publikum machten aus dem letzten Set der Festivalgeschichte tatsächlich ein Finale, wie man es sich für ein Fest dieses Formats nur wünschen kann.
26 Jahre, ein Gesicht
Seit der Gründung im Jahr 2000 stand das Castle Rock untrennbar für einen Namen: Michael Bohnes, hauptberuflich beim Kulturbetrieb der Stadt Mülheim, hat mit seinem Team über 24 Ausgaben hinweg Bands wie Subway to Sally, Mono Inc., Eisbrecher oder Saltatio Mortis nach Schloss Broich geholt – und dabei nie die familiäre, herzliche Atmosphäre verloren, die Stammgäste und Newcomer gleichermaßen jedes Jahr zurückkommen ließ. Dass nach diesem Sommer Schluss ist, liegt weniger an der Szene als an Bohnes selbst: Der reguläre Ruhestand und eine fehlende Nachfolge innerhalb der städtischen Strukturen machten die Entscheidung für ihn am Ende leicht – auch wenn sie emotional alles andere als das war.

Mit Castle Rock verliert die Gothic- und Metal-Szene in NRW eines ihrer beständigsten Formate – klein genug, um familiär zu bleiben, aber groß genug, um über Jahrzehnte Namen wie diese auf eine Schlossbühne zu holen. Ein Abschied mit Tränen, aber vor allem mit Dankbarkeit für 26 Jahre voller Konzerte, Begegnungen und einer Atmosphäre, die es in dieser Form so schnell nicht wieder geben wird.
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